Happy New Year!
Eine 50:50 Lebens-/ Todeskandidatin auf dem Weg zur Arbeit
Anthologie aus dem sonderpunkt ••○ Verlag
Sonderpunkte II … (Geschichten, Gedichte, Fotos)
Herausgeber: Marianne Evrard, Julia Kisker
Über die Ausschreibung
Aus dem Vorwort: »Zum 10. Geburtstag des sonderpunkt Verlages: Einmal mehr wurde in den Beiträgen unser Thema Das Besondere im Alltäglichen festzustellen und festzuhalten eingelöst. Die Autoren schreiben über Erlebnisse, die sie nicht vergessen werden, kleine oder große Ereignisse, die manchmal ihr ganzes Leben veränderten – sie schreiben über die Sonderpunkte in ihrem Leben.«
Motiv(ation)
Ich erinnere mich, wie ich eigentlich keine „Zeit“ hatte, „noch eine“ Geschichte zu schreiben. Aber das Besondere im Alltäglichen, das gab mir zu denken. Keine „neue“ oder „große“ Idee, nein, ein Schnappschuss aus einem ganz „norrmalen“ Leben, das an einen Tiefpunkt geschlittert war. So entstand Happy New Year!
Die Story
Die Ich-Erzählerin hätte sich gerne zuhause verkrochen, aber wie bitteschön soll sie mit Anstand am Telefon ihrem Vorgesetzten erklären, dass ihr Leben eventuell bald endet? So macht sie sich am ersten Arbeitstag nach Silvester auf den Weg:
‚Was für ein beschissenes Jahr‘, dachte ich.
Schlüssel rastete im Schloss, Handtasche war geschultert, holzharte Stufen führten mich durch die Abwärtsspirale des zugigen Berliner Treppenhauses.
»Frohes neues Jahr«, plärrte in der ersten Etage, links, Frau Beck. Aus der Plastiktüte in ihrer Hand stank es nach Fischabfall, gegorenem Essig und altem Fett. Silvesterfraß.
»Ebenso«, murmelte ich. ‚Gleich nach Neujahr müssen wir Sie operieren‘, hatten sie gesagt.
Auf meinem Fußweg zuckelte die Tram müde neben mir her, hinter ihren Fenstern winkten Kinder. Keine Hand hob ich.
»Alles Gute im neuen Jahr«, grüßte der Kioskmann. »Gute Vorsätze?«
Ich roch Zwiebel-Atem und aufdringliches Aftershave. Nein, keine. »Marlboro light, bitte.« ‚Ihre Chancen sind 50:50, dass der Krebs nicht gestreut hat‘, hatten sie gesagt.
Link zum sonderpunkt ••○ Verlag:
Mein Lieblingszitat aus Happy New Year:
Mein Blick fiel auf ein einsames Stiefmütterchen, lila-pink-blau.
‚Dummes Ding. Zu warme Temperaturen haben dich zu früh aus dem Schlaf gelockt. Mit dem ersten Schnee wirst du sterben‘, stieß mir ein Gedanke gallig auf.